Jahresbericht Sozialkunde 2016/2017

„MAKE SOZIALKUNDE GREAT AGAIN“

„Wenn die Politik zur Gefahr für die Wirtschaft wird“. Diese Überschrift trug ein Artikel bei „Spiegel online“ zum Jahreswechsel 2016/17. „Die internationale Ordnung gerät ins Wanken, die westlichen Demokratien werden zunehmend instabil“. Stichworte dazu lassen sich aus dem letzten Jahr in großer Anzahl anführen: die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA, der Putschversuch in der Türkei und die anschließenden Reaktionen der Machthaber, das Austreten Großbritanniens aus der EU, die sogenannte Flüchtlingskrise (für wen ist es eigentlich eine Krise?) …

Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob die Politik grundsätzlich der Wirtschaft zu dienen hat oder ob sich die Wirtschaft der Politik unterzuordnen hat. Ein interessantes Spannungsfeld, das sich auch im Sozialkundeunterricht der Berufsschule stellt, wenn es um Themen wie Arbeitsschutzgesetze, Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland, Wirtschaftsordnungen und und … geht. Ein Spannungsfeld, das sich gerade im Sozialkundeunterricht „bearbeiten“ und „kontrovers diskutieren“ lässt.

Noch befindet sich die überwiegende Anzahl unserer Schüler mitten in der Ausbildung. Doch was kommt danach? Wie wollen die jungen Menschen, die die zukünftigen Gestalter der Gesellschaft sein werden, ihr Land organisieren, wie sehen sie das Verhältnis Politik und Wirtschaft? Wie wollen sie für die offene Gesellschaft innerhalb und außerhalb ihres Schulgeländes eintreten? Wie sollen sie lernen, mitzugestalten?

„Wenn ich nur darf, wenn ich soll,

aber nie kann, wenn ich will,

dann mag ich auch nicht,

wenn ich muss.

Wenn ich aber darf,

wenn ich will,

dann mag ich auch,

wenn ich soll

und dann kann ich auch,

wenn ich muss.

Denn die können sollen,

müssen auch wollen dürfen.“

Graffiti am U-Bahnhof Berlin Alexanderplatz

Wahrlich ein „Spruch“, den man mehrmals lesen muss um ihn zu erfassen, der jeden, der mit Bildung, Erziehung und Betreuung befasst ist, zum Nachdenken bringen sollte. Sicher ist es so, dass Bildungs- und Erziehungsprozesse nie nur nach dem Lustprinzip funktionieren. Es wird immer so sein, dass man sich manche Dinge erst einmal aneignen muss, weil man sie für weitere Erkenntnisfortschritte einfach braucht und nicht darauf warten kann, bis man etwas für wissenswert hält. Das sollten wir im Zusammenhang mit der zunehmenden Forderung nach überwiegend selbstbestimmtem bzw. selbstorganisiertem Lernen nicht vergessen.

Aber es gilt eben auch: „Denn die können sollen, müssen auch wollen dürfen.“

Wir haben unser Ziel erreicht, wenn es uns neben der rein fachlichen Bildung gelingt, Schülerinnen und Schüler zum selbstbestimmten Lernen, zur natürlichen politischen Neugier zu befreien. Dazu kann und muss eine Schule Impulse setzen.

Schüler, aber auch Lehrkräfte sollen sich „einmischen“ in den gesellschaftlichen und schulischen Prozess des „Miteinanders“. „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“ fordert alle Mitglieder der Schulgemeinschaft auf, Mut zu zeigen, sich um die eigenen Angelegenheiten zu kümmern und die eigenen Anschauungen zu vertreten.

Mit ein paar kleineren Veranstaltungen versuchte der Fachbereich Sozialkunde, hier Anregungen zu geben und idealerweise politisches Interesse bzw. Engagement anzustoßen.

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So besuchte am 17. Oktober 2016 Frau

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 Birgit Mair vom Nürnberger Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung e.V. (ISFBB) und Frau Haile aus Eritrea das Berufsschulzentrum Neumarkt im Rahmen des Projekts "Refugees welcome?!". (Siehe Extrabericht)

Vom 14. November an konnte man in der Aula der Berufsschule die Ausstellung "Asyl ist Menschenrecht" besuchen. Sie sollte wissensbasiertes Verständnis für Flüchtlinge und ihre Situation vermitteln und das Bewusstsein über die Allgemeingültigkeit und die Unteilbarkeit von Menschenrechten stärken. Bei einer zufälligen Begegnung im Rahmen der Ausstellung erzählte mir ein junger Flüchtling aus Syrien, dass er „…zehn Stunden im Mittelmeer getrieben ist bis er gerettet wurde …“. Stellen Sie sich das einmal vor – zehn Stunden ohne Gewissheit, ob das der letzte Tag seines Lebens sei – und das mit 16 Jahren!

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Im Rahmen des Projektes "Lernort Staatsregierung" konnten die Industriekaufleute der WIN 11c und WIN 11b am 19. Januar 2017 in Begleitung von Herrn Krug und Herrn Trappe das Bayerische Staatsministerium der Finanzen und die Bayerische Staatskanzlei besuchen. (Siehe Extrabericht)

BILD 52Am 06. März besuchte die DGB Jugend im Rahmen ihrer bayernweiten Berufsschultour die Berufsschule Neumarkt. Dabei wurde von einigen Klassen die Möglichkeit genutzt, einen Vertreter der Gewerkschaft in eine Sozialkundestunde einzuladen, der zu gewerkschaftlichen Themengebieten (Arbeits- und tarifrechtliche Fragen, Gegenwart und Zukunft der Gewerkschaften ...) referierte.

 

BILD 62Zum Schuljahresende planen wir mit der Unterstützung der Deutschen Gesellschaft e.V. ( Eingetragener Verein zur Förderung politischer, kultureller und sozialer Beziehungen in Europa) zwei weitere Veranstaltungen: So soll in einem Projekt der geringen Wahlbeteiligung und der Politikverdrossenheit unter den Erstwählern entgegengewirkt werden. Dazu sollen in einem interaktiven Workshop die Kenntnisse über das deutsche Wahlsystem und die bevorstehende Bundestagswahl verbessert werden. Zentrales Element des Projektes ist ein Austausch zwischen den Schülern und Politikern. In Form eines Speed-Datings sollen die jungen Erwachsenen die Politiker in Kleingruppen zu verschiedenen, für sie relevanten, Themen interviewen.

Das andere Projekt möchte mit den Jugendlichen das Leben im geteilten Deutschland interaktiv erörtern und mit dem anschließenden Zeitzeugengespräch eine Persönlichkeit in den Mittelpunkt stellen, die in besonderem Maße vom Leben im geteilten Deutschland betroffen war.

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Herzlichen Dank allen Sozialkundekollegen für die wertvolle Arbeit während des Schuljahres. Als Sozialkundefachbetreuer denke ich dabei auch an die im wahrsten Sinne des Wortes „ungezählten“ zusätzlichen Stunden, die viele Kollegen bei Berlinfahrten, Klassenfahrten und sonstigen sozialkundlichen und betrieblichen Fahrten unter erheblichen aufsichtsrechtlichen Risiken auf sich nehmen. Zeit, die zum großen Teil dem persönlichen Engagement geschuldet

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Besonders bedanken möchte ich mich wieder bei der Religionsabteilung für ihr „soziales Engagement“ bei der Unterstützung des Kinderhospizes in Bad Grönenbach/Allgäu und für die sensible Begleitung bei tragischen Todesfällen an unserer Schule.

Sehr positiv ist die Gewissheit, von der Schulleitung in allen sozialkundlichen Angelegenheiten unterstützt zu werden.

Trappe, StD

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Jahresbericht Sozialkunde 2015/2016

Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem selbst ein Schaf sein.“

Dieser Satz hat sehr viel mit unserem sozialkundlichen Auftrag in der Berufsschule zu tun. Es geht nicht darum, angepasste Staatsbürger zu erziehen, deren Ziel es ist, möglichst tadellos und unauffällig durch ihr politisches Leben zu kommen. Vielmehr muss das Ziel sein, Schüler zu selbständig und kritisch denkenden Menschen in Beruf und Gesellschaft zu erziehen, die bereit sind ihre demokratischen Überzeugungen im Alltag aktiv zu vertreten.

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Also muss diese „Kritikkompetenz“ auch geübt werden. Dass das im Alltag für die jeweiligen Lehrkräfte/Vorgesetzten herausfordernder ist als die Schüler/Mitarbeiter über autoritäre Führungsstrukturen zu disziplinieren, steht außer Zweifel. Der Geist, der an einer Schule herrscht, muss aber ein freier sein. Das gilt für das Lehrerkollegium gleichermaßen wie für den Umgang mit Schülern und unter Schülern.

Immer komplexer werdende gesellschaftliche Bedingungen erfordern ein schärferes Bewusstsein, eine höhere Sensibilität für antidemokratische Strömungen, die sich im Alltag und natürlich auch im Schulalltag in Neumarkt in zunehmenden Maße in rechtspopulistische Äußerungen bzw. abgrenzenden Bemerkungen dokumentieren.

Wir sollten die Chance nutzen, den einfachen Lösungen, die die sogenannte „rechte Mitte“ anbietet, Argumente entgegenzusetzen um dem Anspruch „Schule ohne Rassismus“ gerecht zu werden. Auch ein Unterlassen von „Gegenwehr“ führt zum Verlust von demokratischen Errungenschaften und persönlicher Selbstachtung.

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Jahresbericht Sozialkunde 2014/2015

 Das Sozialkundeschuljahr war vor allem von zwei „Jubiläen" geprägt.
Am 09. November 2014 jährte sich der Mauerfall zwischen den beiden Teilen Deutschlands zum 25. Mal. Ein halbes Jahr später, am 08. Mai 2015, jährte sich der Tag des Endes des Zweiten Weltkrieges zum 70. Mal.

Bei der Frage der Thematisierung dieser geschichtlichen Jubiläen ging es neben der Informationsvermittlung auch um die Förderung kritischer Urteilsfähigkeit, um die Fähigkeit, historische Ereignisse aus eigenem Erleben zu bewerten und einzuordnen.
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In der Woche vom 03. November bis zum 07. November fand die Themenwoche „25 Jahre Fall der Berliner Mauer" statt. Das Thema wurde im Unterricht behandelt, man konnte die Ausstellung „Die Mauer" der Bundesstiftung Aufarbeitung in der Aula besuchen oder man hatte die Gelegenheit, am Zeitzeugenbericht von Herrn Lutz Quester, einem in der DDR geborenen, freigekauften, sogenannten "politischen" Gefangenen teilzunehmen.
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Außerdem konnte man ein originales Stück der Berliner Mauer besichtigen, das seit diesem Schuljahr vor unserer Schule steht.
Es wäre schön, wenn das Mauerstück ein klein wenig dazu beitragen könnte, die Aufmerksamkeit kommender Schülergenerationen auf die vielen Mauern in den Köpfen der Menschen zu richten und dabei helfen würde, aus der deutschen Vergangenheit zu lernen.

Das zweite Projekt „Nie wieder Krieg", das in Zusammenarbeit mit der Fachschaft Deutsch anlässlich des 70. Jahrestag des Kriegsendes, im zweiten Schulhalbjahr stattfand, beinhaltete mehrere kleine Veranstaltungen
Es freute mich dabei sehr, dass wir bei der Eröffnungsveranstaltung eine Zeitzeugin des Zweiten Weltkrieges, Frau Eva Franz bei uns begrüßen durften.

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Ebenfalls als Zeitzeuge kann sicher auch Herrn Wiedemann bezeichnet werden, der als zweiter Vorsitzender des Vereins „Dokumentationsstätte KZ Hersbruck" die Geschichte des KZ Hersbruck vorstellte.

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Das Lager Hersbruck war ein Außenlagers des KZ Flossenbürg. Zeitzeugen sind Zeugen vergangener Zeit, gleichzeitig wirken sie aber auch in die Zukunft (siehe Extrabericht).

Ich denke, dass der Zweite Weltkrieg für die Generation unserer Schüler inzwischen sehr weit weg ist und damit auch die Empathie immer mehr nachlässt. Die emotionale Betroffenheit der Kriegs- und Nachkriegsgenerationen ist nicht mehr vorhanden, kann aber m.E. durch persönliche Begegnungen mit Zeitzeugen angesprochen werden.
Man hört in den Klassen oft, ob man nicht mal einen Schlussstrich ziehen müsse unter dieses Thema. Vielleicht trifft die Antwort von Bundespräsident Gauck den Kern dieser Frage:
„Die Erinnerung an den Holocaust bleibt eine Sache aller Bürger, die in Deutschland leben". In Deutschland, wo man täglich an Häusern vorbeigehe, aus denen Juden deportiert worden seien, sei der Schrecken der Vergangenheit näher und die Verantwortung für Gegenwart und Zukunft größer und verpflichtender als anderswo. „Aus dem Erinnern an das Menschheitsverbrechen ergibt sich der Auftrag, die Mitmenschlichkeit und die Rechte eines jeden Menschen zu bewahren."
Gerade in der heutigen Zeit, mit ihrer aufkeimenden Fremdenfeindlichkeit gegenüber Flüchtlingen und anderen Minderheiten ist es wichtig, das Schicksal einzelner Menschen zu thematisieren um ein Gefühl für die Lebenssituation dieser Mitmenschen zu bekommen.
Was uns diese Zeit lehren muss ist aber auch, dass man es sich nicht so leichtmachen kann, wie es SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann in seinem Prozess in Jerusalem formulierte: „Es wurde befohlen und infolgedessen ist es durchgeführt worden. Bekomme ich einen Befehl, so habe ich ihn nicht zu deuten, und wenn ich einen Befehl erteile, so ist es verboten, diesen Befehl zu begründen."
Wenn Systeme aber ihre Macht missbrauchen, dann haben diejenigen, die diese Macht ausführen sollen, das Recht zum Widerstand, zur Befehlsverweigerung – wenn sie den Mut dafür aufbringen können.

Ob es im strafrechtlichen Sinne Sinn macht, 70 Jahre nach Kriegsende 90-jährige Greise zu verurteilen, ist eine offene Frage; für die Opfer dieser Menschen ist es sicher eine sehr späte Genugtuung. Sollte der vermutlich letzte Angeklagte noch verurteilt werden, so stiege zumindest der Anteil der SS-Angehörigen aus Ausschwitz, die in Deutschland verurteilt wurden auf einen neuen Höchststand: auf 0,48 Prozent!

Was es bedeutet, Mut zu haben oder eben nicht zu haben, hat sicher jeder von uns schon einmal im Alltag erlebt. Ein klein wenig mehr Bewusstsein bzgl. der Problematik solcher Lebensfragen soll das Projekt „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage" wecken, unter das sich die Inhalte dieser zwei sozialkundlichen Veranstaltungen einordnen lassen.

Die Fragen der eigenen Verantwortung für politische Sachverhalte, die um uns herum passieren (Flüchtlingsproblematik, Umweltprobleme, militärische Auseinandersetzungen, Armut ....) müssen täglich neu gestellt werden und lassen sich in einer immer informierteren Welt sicher nicht mit der Floskel „...davon habe ich nichts gewusst..." beantworten.
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Haben Sie z.B. gewusst, dass die 85 reichsten Menschen der Welt über den gleichen Reichtum verfügen wie die 3.500.000.000 ärmsten Menschen der Welt zusammen?

Bedanken möchte ich mich an dieser Stelle sehr herzlich für die aktive Unterstützung des Fachbereichs Sozialkunde durch die Schulleitung, die Damen des Sekretariats, die Hausmeister und viele Kollegen und Kolleginnen.

Herzlichen Dank auch an die Schulgemeinschaft, die Lehrkräfte, die Lehrer und Lehrerinnen der Fachschaft Religion und die Organisatorinnen des Weihnachtsmarktes, allen voran Frau Ernsberger und Frau Völkl, die mit ihrem tollen Engagement dazu beitrugen, soziale Projekte wie das Kinderhospiz im Allgäu finanziell nachhaltig zu unterstützen.

Trappe
Sozialkundefachbetreuer

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Jahresbericht Sozialkunde 2013/2014

Sozialkunde - shoppen oder wählen?

Das diesjährige Superwahljahr mit Landtags-, Bundestags-, Kommunal- und Europawahlen brachte die Notwendigkeit mit sich, das „Wählen" und die „Auswahl" zu üben.
Hier hatte die Bundeszentrale für Politische Bildung im Vorfeld jeweils einen „Wahl-O-Maten" entwickelt, der unentschlossenen (Erst-) Wählern helfen sollte, über die Beantwortung von 20 bis 30 Fragen zu bestimmten Themen, zu ihrer jeweiligen politischen Position und damit Partei zu finden. Im Sozialkundeunterricht oder über die homepage der Berufsschule konnten die Schüler diese Möglichkeit des Übens nutzen.

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Gleichzeitig wurde das reale Wählen durch das vom Fachbereich angebotene und begleitete Projekt U18 simuliert. Ziel dieses Projekts war es, die zukünftigen Erstwähler, also Minderjährige, daher der Name U18, auf ihre erste, echte Wahl vorzubereiten damit sie den eigenen politischen Willen formulieren und in eine konkrete Wahlentscheidung umsetzen können. Die provokative Frage „...soll ich wählen oder shoppen?" wird so hoffentlich nicht zugunsten des Konsums beantwortet werden. 

Die wachsende Anzahl gewalttätiger Übergriffe gegen Asylsuchende in Deutschland, der Schweizer Volksentscheid gegen Migranten und der starke Zulauf zu rechtspopulistischen Parteien sind Anzeichen dafür, dass rassistische Einstellungen in Europa auf dem Vormarsch sind.

Umso wichtiger ist es, dass Schüler die politischen Vorgänge dieser Themengebiete nachvollziehen und in den europäischen Rahmen einordnen können. Deshalb wurde in einem 2-tägigen Projekt im Auftrag des Europäischen Parlaments eine EU-Richtlinie in Form eines Simulationsspiels verhandelt, welche innerhalb und außerhalb der EU sehr umstritten war.

Konkret ging es um die Lebensbedingungen für Flüchtlinge während der Bearbeitung ihres Asylantrages. Die Schüler mussten sich dabei mit der Gewährleistung der Menschenrechte, Reisefreiheit, aber auch mit arbeitsmarktpolitischen Aspekten auseinandersetzen (siehe Extrabericht).

Erinnern möchte ich in diesem Zusammenhang an unser Ziel „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage", das neben dem eigentlichen Rassismus auch die Stigmatisierung aller anderen Minderheiten in das Blickfeld rücken will.

Das beinhaltet auch die im Schulalltag täglich wahrnehmbare sexuelle geprägte Diffamierung. Wie weit sexuell geprägte Diffamierungen in der Schule verbreitet sind, zeigte eine Studie eines Psychologenteams aus Berlin auf. Demnach benutzen fast zwei Drittel der Sechstklässler in Berlin Begriffe wie "schwul" oder "Schwuchtel" als Schimpfwörter, 40 Prozent nutzten das Wort "Lesbe". "Dahinter steckt erst mal keine homophobe Absicht. Allerdings hat es dennoch eine homophobe Wirkung", erläutert darin der Psychologe Ulrich Klocke. Für die Schüler, die gerade in dieser Lebensphase ihre sexuelle Identität entdecken, habe das fatale Auswirkungen. Hier gilt es offensiv entgegenzutreten damit sich Stereotype nicht verfestigen können. Wenn das Umfeld Diskriminierung ächtet und nicht darüber hinwegsieht, wenn sie vorkommt, kann sich Diffamierung nicht entfalten.

Auch in diesem Schuljahr nutzte wieder eine Klasse aus dem kaufmännischen Bereich die Gelegenheit, am Programm „Lernort Staatsregierung" der Landeszentrale für politische Bildung in München teilzunehmen. Es ging für einen Tag in die Landeshauptstadt, genauer gesagt ins Bayerische Staatsministerium für Wirtschaft und Medien, Energie und Technologie. Am Nachmittag besichtigten wir dann unter fachkundiger Führung einer Mitarbeiterin der Landeszentrale die Bayerische Staatskanzlei (siehe Extrabericht).

Es ist inzwischen eine schöne sozialkundliche Tradition an der Berufsschule Neumarkt geworden, Berlin als Ziel politischer Bildung zu besuchen. Die Industriekaufleute der WIN 11c fuhren in diesem Schuljahr von Mittwoch, 21. Mai bis einschließlich Samstag, 24. Mai in die Bundeshauptstadt zu einer politischen Bildungsreise. Dort hatten sie auf Einladung von Herrn MdB Alois Karl die Möglichkeit an einer Bundestagsdebatte teilzunehmen und den Reichstag mit der Kuppel zu besichtigen. Außerdem nahm sich Herr MdB Alois Karl die Zeit, die Schüler in einem persönlichen Gespräch in die des politischen Geschehens in Berlin einzuweihen. Herzlichen Dank auch für die finanzielle Unterstützung durch das Abgeordnetenbüro.

Neben diesen bundespolitischen Inhalten wurden auch Themengebiete im Zusammenhang mit der deutschen Vergangenheit (Besuch Gedenkstätten, Mauermuseum etc. ...) erschlossen. Besonders beeindruckend war der Besuch des Stasigefängnisses Hohenschönhausen. Selbstverständlich endete unser politisches Interesse nicht bei Dämmerungsbeginn, so dass wir auch Berlin bei Nacht erkundeten und u.a. das Musical „Hinterm Horizont" mit den Hits von Udo Lindenberg besuchten.

Ich würde mich sehr freuen, wenn die Möglichkeiten solche Bildungsfahrten, durchzuführen, also raus aus der Schule - rein ins politische Leben noch sehr viel mehr genutzt würden. Ich bin mir sicher, dass diese Eindrücke weit über die Berufsschulzeit in Erinnerung bleiben und damit vielleicht zu stärkerem politischen Engagement führen können.

Aber meistens muss es gar nicht die große Politik sein, die Inhalt unserer Bemühungen ist. Auch wenn es manchen Leser vielleicht erstaunt, aber die Fähigkeit der vollständigen Nennung der Bundesländer Deutschlands mit ihren jeweiligen Landeshauptstädten ist nicht nur für die Mehrheit der Auszubildenden keine Selbstverständlichkeit. Es wäre viel geschafft, wenn es noch besser gelänge, die wesentlichen strukturellen, politischen Inhalte in der Breite der verschiedenen Ausbildungsberufe in dem dafür vorgesehenen Sozialkundeunterricht der 11. Klasse nachhaltiger zu vermitteln. Dazu bedarf es noch mehr politischer Impulse in Form von Teilhabe und regelmäßiger Bezugnahme auf die Lebenswelt der Auszubildenden.

Ein informierter und interessierter Staatsbürger zu sein, der befähigt ist an gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen kritisch und begründet mitzuwirken, das ist etwas, das einem jungen Menschen mit ins Leben gegeben werden sollte. Der Sozialkundeunterricht sollte daran mitwirken, dass sich junge Staatsbürger um die eigenen Angelegenheiten kümmern.

Herzlichen Dank an viele Kollegen für die wertvolle tägliche Arbeit und so manch hilfreichen Hinweis, wenn es um die Belange des Fachbereichs Sozialkunde ging.

Besonders bedanken möchte ich mich bei Herrn StD Walter Janka, der sich als Projektleiter „Referenzschule für Medienbildung" sehr um den Fachbereich Sozialkunde bemühte.

Bedanken möchte ich mich auch bei der Schulleitung, die den Fachbereich uneingeschränkt unterstützte.

Trappe
Sozialkundefachbetreuer

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Jahresbericht Sozialkunde 2012/2013

Der Philosoph Aristoteles bezeichnete den Menschen als ein Lebewesen, das in der Gemeinschaft lebt und auf die Gemeinschaft angewiesen ist. In einer immer komplexer werdenden heutigen Welt ist dieses eingebettet sein in eine soziale Gemeinschaft, die nicht immer die eigene Familie ist, Grundlage der Selbstfindung des jungen Menschen. Gerade die demokratische Staatsform als eine in den Industrieländern prioritären Organisationsform menschlichen Zusammenlebens, erfordert die Notwendigkeit der Mitwirkung seiner Bürger als selbständig denkende und handelnde politische Lebewesen.

Das Fach Sozialkunde hat dabei, neben der reinen Wissensvermittlung die Aufgabe, junge Erwachsene auf diesem Weg zu begleiten.

Besonders zu begrüßen sind deshalb die Aktivitäten der in den letzten Jahren zunehmend aktiven Schülermitverwaltung, die sich trotz der Erschwernisse, die sich aus der strukturellen Besonderheit des Teilzeitunterrichts mit täglich wechselnden Schülersprechern ergibt, für ihre Interessen in der Schulgemeinschaft engagiert und mit Nachdruck einsetzte.

Aber auch hier könnte im Sinne eines "zoon politikon" also eines sozialen, politischen Wesens noch mehr erreicht werden, wenn es gelänge, die Basis, also die Schüler, die sich vertreten lassen und die es eigentlich angeht, noch mehr zu aktivieren.

Mit einzelnen, kleinen politischen Anstößen versuchte der Fachbereich Sozialkunde auch in diesem Schuljahr, mit uneingeschränkter Unterstützung der Schulleitung, dieses Interesse an den eigenen Angelegenheiten zu wecken bzw. zu erhalten.

Im Juni fuhr die Klasse WIN 11b mit Ihrer Klassenleiterin, Frau Christine Bucher zum Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Infrastruktur, Verkehr und Technologie nach München. Dieser von der Landeszentrale für politische Bildung organisierte Bildungstag bot Schülerinnen und Schülern aller Schularten die Möglichkeit, Arbeitsabläufe in bayerischen Ministerien kennen zu lernen bzw. transparenter zu machen. Gleichzeitig ermöglichte der Kontakt mit Mitarbeitern des Ministeriums den Zugang zur Auseinandersetzung mit politischen Inhalten.

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Vier angehende Bankkaufleute der Berufsschule Neumarkt hatten im März die Möglichkeit an einer Premiere, dem Thementag Israel im Bayerischen Landtag, teilzunehmen. Sie waren eingeladen von Frau Barbara Stamm, Präsidentin des Bayerischen Landtags um an diesem Tag in verschiedenen Workshops das Verhältnis Deutschland - Israel zu beleuchten. Thementag Israel, das bedeute vor allem den Versuch einer Annäherung auf zwischenmenschlicher Ebene, über mögliche Vorurteile hinweg, um sich der Perspektive des jeweils Anderen nähern zu können. (Extrabericht)

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Vom 17. Juni bis zum 29. Juni fand an unserer Schule eine Ausstellung zum 60. Jahrestag des DDR-Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 statt. Ein Tag, der in der jüngeren Generation kaum noch als historisches Ereignis deutscher Geschichte abrufbar ist, von vielen Historikern aber als Sinnbild für die tiefe Legitimationskrise der SED und ihres geplanten Aufbaus des Sozialismus gesehen wird. Der Besuch der Ausstellung bzw. die

Beschäftigung mit den Inhalten sollten einen kleinen Beitrag zur Erinnerungskultur bzgl. der jüngeren deutschen Geschichte leisten. Eine Vergangenheit, die mit zunehmenden zeitlichen Abstand der Gefahr unterliegt, verklärt zu werden. Hier gilt es immer wieder, die menschenverachtenden Praktiken der damals herrschenden Politfunktionäre in Erinnerung zu rufen, um aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen.

Herzlichen Dank auch dieses Jahr wieder an die Allgemeine Ortskrankenkasse Neumarkt, die in 3 kompakten Veranstaltungen insgesamt rund 200 Schüler im Sozialversicherungsrecht auf die diesjährigen Abschlussprüfungen vorbereitete. Hier gilt unser Dank besonders Frau Zehnder als Organisatorin im "backoffice" und der Referentin Frau Schwarz, die es immer verstand, auf die doch recht unterschiedliche Zuhörerschaft in sehr ansprechender Art einzugehen.

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Eine sehr berührende Veranstaltung gegen Ende des letzten Schuljahres möchte ich nicht unerwähnt lassen. Der Besuch des früheren KZ-Gefangenen Herrn Letic wird an anderer Stelle (Projekte) gewürdigt.

Ich kann heute feststellen, dass das Ziel, das Judenproblem für Litauen zu lösen, vom Einsatzkommando 3 erreicht worden ist. In Litauen gibt es keine Juden mehr." Karl Jäger, SS-Standartenführer, Kommandant des EK3 in Litauen in seinem Bericht vom 01.12.1941.

Ernst Grube, Jahrgang 1932, ist einer der letzten, der aus eigener Erfahrung von der Vernichtung der europäischen Juden erzählen kann. Bei seinem Vortrag am 10. Juli an unserer Schule zeigt er diesen Bericht von Karl Jäger:

"Insgesamt 99.804 ermordete Juden auf Seite 5, der ganze Bericht hat 10 Seiten."

Es geht Grube in seinen Erzählungen aber nicht um Zahlen, das betont er mehrmals, sondern um die Ideologie, die Ausgrenzung und die Minderwertigkeit von Menschen, die heute wieder von Neonazis propagiert wird. Es liegt ihm viel daran, die Zusammenhänge zur heutigen Situation zu benennen. Die Grenzen des Rechts auf freie Meinungsäußerung sieht er da, wo Inhalte zu Rassismus und Gewalt führen können. Ausführlich wird an anderer Stelle über diesen bewegenden Besuch berichtet (Projekte)

Auch in diesem Jahr fuhren wieder einige Kollegen mit ihren überwiegend kaufmännischen Klassen für mehrer Tage nach Berlin, um in der Klassengemeinschaft politische Inhalte zu erschließen und/oder um die Berufsschulzeit mit einer gemeinsamen Städtereise nach Berlin als Höhepunkt abzuschließen.

Dies freut mich einerseits für die Schüler, die sicher viele Eindrücke dieser Reise in ihr zukünftiges Leben mitnehmen und vielleicht bei einem Klassentreffen in 30 Jahren sagen werden: "...weißt du noch auf unserer Abschlussfahrt nach Berlin ...", andererseits bin ich auch ein wenig stolz auf meine Kollegen, die allen bürokratischen Wirrungen der Erfassung der Lehrerarbeitszeit zum Trotz diese wichtige pädagogische Aufgabe mit viel Engagement und Herzblut in ihrer Freizeit unter Inkaufnahme nicht unerheblicher aufsichtsrechtlicher Risiken durchführen.

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Dank sagen möchte ich auch der Schulleitung, die diese Fahrten uneingeschränkt unterstützt und damit erst die Voraussetzung zu diesem Gemeinschaftserlebnis bietet. Herzlich Dank auch an Herrn MdB Alois Karl, der die Neumarkter Berufsschüler bei den Besuchen im Bundestag immer wieder bereitwillig und tatkräftig unterstützt.

Wichtig ist mir auch ein Dank an die komplette Religionsabteilung unter Leitung von Herrn Rupp, die sich seit Jahren mit vielfältigen Aktionen im und außerhalb des Unterrichts für die Förderung des Kinderhospizes in Bad Grönenbach einsetzt.
Herzlichen Dank auch den vielen Schülern und vielen Kollegen, die mit einer Spende zur Finanzierung dieser einzigen derartigen Einrichtung im süddeutschen Raum beitrugen.

Zu Beginn des nächsten Schuljahres stehen gleich zwei sozialkundliche Großereignisse an, die Landtagswahl in Bayern und die Bundestagswahl. Beides sind Themen des Lehrplans der 11. Klasse. Wir möchten uns dazu an dem bundesweiten U18 Projekt beteiligen, bei dem eine Bundestagswahl für Schüler simuliert wird. Das Ergebnis dieser Wahl werden wir zeitnah auf unserer homepage veröffentlichen.

Trappe
Sozialkundefachbetreuer

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