Veranstaltungshinweise

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Thementag "Geteiltes Deutschland"

Alles nur Geschichte(n)? — Leben im doppelten Deutschland

Die Existenz zweier deutscher Staaten mit unterschiedlichen politischen Systemen – der Demokratie in der Bundesrepublik und der sozialistischen Diktatur in der DDR –, eingebettet in die globale Systemkonkurrenz des „Kalten Krieges“, in der sich zwei ideologisch und wirtschaftlich komplett unterschiedliche Machtblöcke feindlich gegenüberstanden, scheint jungen Menschen heute unvorstellbar. Dabei haben diese Rahmenbedingungen wie die weltpolitische Entwicklung das Leben im geteilten Deutschland über 40 Jahre maßgeblich (mit)geprägt.

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Umso wichtiger ist es, jungen Berufsschülern zu vermitteln, dass das „doppelte Deutschland“ nicht nur eine Episode in der deutschen Vergangenheit ist. Die Erfahrungen in den beiden deutschen Staaten wirken bis in die Gegenwart. Die Veranstaltung bestand aus einem Seminar für die Industriekaufleute der WIN 10b und die Bankkaufleute der WBA 12, in dem das Leben im geteilten Deutschland und die weltgeschichtlichen Rahmenbedingungen interaktiv erörtert wurden.

Nach einem kurzen geschichtlichen Überblick stellte Herr Dehmel von der Deutschen Gesellschaft die Frage, ob die zwei  deutschen Staaten zu unterschiedlichen Lebensrealitäten führten. Das sei die zentrale Frage für den Vortrag bzw. das Zeitzeugengespräch. Anhand von strukturellen Vergleichen (Reisemöglichkeiten, Wahlen, Frauenbild, Schule und Jugend, Wohnen und Leben, Arbeitsalltag, Betreuungssituation der Kinder, ) zwischen den beiden deutschen Staaten zeigte Herr Dehmel in einer sehr professionellen und gleichzeitig schülergerechten Art die Verschiedenheit der Lebenswelten auf.

Am Ende gab es noch einen kleinen Sprachkurs für Wessis. Man wollte mit den eigenen Wortschöpfungen unbedingt englische bzw. christliche Begriffe vermeiden. Als dann mal los - Was ist ein(e):

OSTDEUTSCH:   WESTDEUTSCH:
Ketwurst        Hot Dog
Niethose          Jeans
Grilletta      Hamburger
Schallplattenunterhalter      Discjockey
Jahresendprämie Weihnachtsgeld
Kundschafter des Friedens Mitarbeiter des BND

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Das anschließende Zeitzeugengespräch stellte Herrn Schneider in den Mittelpunkt. Er war im besonderen Maße vom Leben in einem geteilten bzw. in einem „doppelten Deutschland“ betroffen. Herr Schneider (geb. 1954 in Erfurt) ist ausgebildeter Kaufmann. Er wurde im Februar 1972 verhaftet, nachdem sein Fluchtversuch verraten worden war. Verurteilt zu zehn Monaten wegen "versuchten ungesetzlichen Grenzübertritts", wurde er im Oktober 1972 unter Bewährungsauflagen in die DDR entlassen. Er stellte verschiedene Ausreiseanträge, die schließlich genehmigt wurden, so dass er 1974 in die Bundesrepublik übersiedeln durfte.

Den Inhalt seines Vortrages gibt der Artikel des Neumarkter Tagblatts (siehe unten stehenden link) sehr gut wieder. Die humorvolle Schilderung seiner Jugend ließ den Druck, der auf ihm lastete, nur erahnen. Es gelang ihm gut, den frühen Zugriff des Staates auf die Kinder deutlich zu machen. Dabei spannte er den Bogen von den militärisch angehauchten Kinderbüchern über die Kinderhorte, den Schuleintritt bis zur vormilitärischen Ausbildung bei den jährlich stattfinden "Pioniermanövern Schneeflocke". Die Diktatur funktionierte auch deswegen so gut, weil sie Angst verbreitete, wenn man sich nicht konform verhielt. Nach seinem Fluchtversuch als 17-jähriger Jugendlicher ,der schon im Ansatz in Erfurt scheiterte, warf ihm der Staat die "Planung und Vorbereitung eines schweren bewaffneten Grenzdurchbruchs" vor. Er habe "den Weltfrieden gefährdet"  Schneider: "Mit 17 den Weltfrieden gefährdet - scheiße".

Besonders beeindruckend waren die Schilderungen seiner Haftbedingungen. So musste er die Liegeordnung im Gefängnis einhalten. Seine Frau sage heute noch "er liege im Bett wie in einem Sarg". Darauf antworte er immer: "Gelernt ist gelernt". In der Zelle durfte man am Tag nicht sitzen oder liegen, man musste im Kreis gehen. Man sei täglich 10 bis 12 Stunden verhört worden. Nach 2 Wochen sei er zusammengebrochen. Er konnte nicht mehr. "Ich war doch erst 17 - ich verlor meine eigene Persönlichkeit - ich hatte doch nur Träume ...". Die Mehrheit der Stasiopfer, die er kenne, seien nicht in der Lage über ihre Vergangenheit zu sprechen ohne depressiv zu werden, manche hätten sich umgebracht.

Schneiders Motivation solche Zeitzeugenvorträge zu halten, sei nicht " ...der Anspruch auf  Wahrheit. Jeder habe seine eigene Wahrheit ...", sondern er möchte die Jugendlichen ermutigen sich in der Politik zu engagieren, damit ihnen niemand ihre Rechte wegnehmen könne und sie nicht in einer Diktatur aufwachen.

Herzlichen Dank Herr Dehmel und Herr Schneider für diesen überaus interessanten Tag!

Trappe, Sozialkundefachbetreuer

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Bericht Neumarkter Tagblatt

Zeitzeuge Werner Schneider

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